Polen steht aktuell in der Pandemie vor ähnlichen Herausforderungen wie Deutschland. In der vierten Welle weisen beide Länder trotz fortgeschrittener Impfkampagnen steigende Infektionszahlen auf. Die bedeutende Automobilindustrie kämpft mit Materialengpässen und der Brexit hat die Arbeitsteilung in der EU verändert. In Polen haben sich daraus neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben, wie das zweite „ExportManager-Forum Polen“ am 27. Oktober 2021 zeigte.

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Polen ist ein kostengünstiger Produktionsstandort der internationalen Automobilindustrie. Doch auch andere Branchen sind für deutsche Unternehmen interessant. Anna Polanska, Expertin der Investitions- und Handelsagentur Polens, wies in ihrem Vortrag während des „ExportManager-Forums Polen“ auf Bauwirtschaft und Logistik sowie auf Kosmetik, Möbel, Medizintechnik und Datencenter hin. Insbesondere die IT-Branche profitiere von Spezialisten aus Weißrussland. Und zahlreiche ausländische Unternehmen setzten auf Polen als Standort für Forschung und Entwicklung. Diese Diversifizierung habe mit dazu beigetragen, dass Polen für Deutschland der viertwichtigste Lieferant ist. Und Polen habe gerade das Vereinigte Königreich von Rang 5 der deutschen Absatzmärkte verdrängt.

Günstige Investitionsbedingungen

Als wichtige Argumente für den Standort Polen nannte Polanska das kräftige Wachstum der Wirtschaft und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Dazu zählten nicht nur die erwähnten IT-Spezialisten aus Weißrussland und z.B. Lkw-Fahrer aus der Ukraine, sondern auch Polinnen und Polen, die nach dem Brexit aus Großbritannien nach Polen zurückgekehrt seien – u.a. mit hervorragenden Englischkenntnissen. Als weitere Vorteile, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt haben, nannte Polanska die Infrastruktur u.a. für Transport und Logistik, die transparente und unternehmensfreundliche Verwaltung, wettbewerbsfähige Städte und niedrige Steuersätze.

IT-Sektor wächst kräftig

Eine schnell wachsende Branche mit großem Zukunftspotenzial ist aus Sicht von Polanska die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Sie mache bereits 8% des polnischen BIP aus. Die Dienstleistungen der Entwickler, z.B. im Bereich der Computerspiele, würden u.a. in den angelsächsischen Raum (UK und USA) sowie in die Schweiz und nach Deutschland exportiert. Vor allem Shared Services Center im Bereich der Business Services erfreuten sich bei ausländischen Unternehmen großer Beliebtheit. Ausländische Investitionen seien zuletzt u.a. von Google und Microsoft gekommen, die Rechenzentren für Cloudlösungen bauen. Als führende polnische IT-Unternehmen nannte Polanska Asseco Polen und Comarch, die auch in Deutschland vertreten sind.

Umfangreiche Förderprogramme

Ausländische Unternehmen können in Polen in den Genuss von Beihilfen kommen, die je nach Standort bis zu 50% der Investitionssumme betragen können. Zudem gibt es Befreiungen von der Körperschaftsteuer für 10 bis 15 Jahre, Zuschüsse für strategische Projekte in Höhe von bis zu 10% oder 15% der Investitionskosten sowie eine Befreiung von der Grundsteuer für bis zu fünf Jahre. Hinzu kommen EU-Fördermittel für innovative Projekte. Während Investitionen im Westen Polens und in der Region um Warschau mit 10% bis 35% der Investitionssumme gefördert werden, sind es im Osten Polens bis zu 50%. Im Fokus der Förderung stehen Forschung und Entwicklung sowie Nachhaltigkeit.

Steuerrecht mit vielen Besonderheiten

Das polnische Steuerrecht zählt nach Einschätzung von Katarzyna Judkowiak, polnische Steuerberaterin und Partnerin bei Rödl & Partner Polska, zu den kompliziertesten weltweit. Auch dabei konkurriere das Nachbarland offenbar mit Deutschland. Allerdings seien die Steuersätze deutlich niedriger: 19% bei der Körperschaftsteuer, maximal 32% bei der Einkommensteuer. Allerdings belaste der hohe Umsatzsteuersatz von 23% die Verbraucher stärker als in Deutschland. Bei der Besteuerung der verschiedenen Rechtsformen von Unternehmen habe Polen zum Jahresbeginn 2021 die Kommanditgesellschaft als körperschaftsteuerpflichtig eingestuft. Auch Offene Handelsgesellschaften, an denen nicht nur natürliche Personen beteiligt sind, würden zur Körperschaftsteuer herangezogen.

Digitalisierung der Steuerverwaltung

Judkowiak schilderte die Digitalisierungsfortschritte in der polnischen Steuerverwaltung. Auch in diesem Bereich weise Polen einige Besonderheiten auf. „Man muss relativ viel melden im Vergleich zu anderen Ländern“, erläuterte Judkowiak. Die Einführung der digitalen Berichterstellung und der Online-Registrierkassen hätten die Steuerbehörde in die Lage versetzt, die Steuerdaten zu analysieren. Auch für Unternehmen bedeuteten sie eine Erleichterung – zumindest „wenn man gute Systeme hat, wenn man von Anfang an alles geplant hat und sich gut organisiert hat“, nannte Judkowiak als notwendige Voraussetzungen. In einer sogenannten Weißen Liste seien die Steuerpflichtigen mit ihrem Umsatzsteuerkonto erfasst, um Steuerbetrug zu verhindern.

Eine Herausforderung stelle das neue E-Rechnungssystem (KSeF) dar, das ab 2022 freiwillig und ab 2023 obligatorisch sein soll. Das System sehe vor, dass strukturierte Rechnungen von den Unternehmen auf der neuen Plattform KSeF an die Steuerbehörden übertragen werden. Allerdings seien bislang noch keine Schnittstellen zu z.B. SAP-Systemen bekannt. Daher könnte sich die Übergangsfrist noch verlängern, meinte Judkowiak. Zu den Vorteilen des neuen Systems sollen neben der Sicherheit und Transparenz der Rechnungsstellung die Verkürzung der Umsatzsteuererstattung auf 40 Tage zählen.

Finanzierungslösungen für Unternehmen

Exporteure und Investoren stehen bei der Finanzierung des Geschäfts in Polen ebenfalls vor einigen Fragen. Die Realisierung von Forderungen oder deren Verkauf ist in Polen etwas aufwendiger als in Deutschland. Doch Factoring in Polen ist möglich und durchaus attraktiv, wie Agnieszka Schütte, International Business Manager am German Desk der Santander Bank Polska, erläuterte. Dazu gehörten auch Lösungen für die Lieferantenfinanzierung – ein Thema, das gerade in der jüngeren Vergangenheit an Bedeutung gewonnen habe. Für ausländische Unternehmen in Polen stünden auch Finanzierungen zur Verfügung, z.B. für Betriebsmittel, Handel und Investitionen.

Positiver Ausblick trotz Kostenanstieg

Schütte zitierte zum Abschluss die positiven Ergebnisse einer Umfrage der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer unter ausländischen Unternehmen in Polen. Von den unterbrochenen Lieferketten seien vor allem große Unternehmen betroffen, der Mittelstand sei weitgehend verschont. Die Umsätze würden im ersten Halbjahr 2022 das Niveau vor Ausbruch der Pandemie erreichen. Die Zustimmung zur EU in Polen sei weiterhin hoch. Aktuell würden die hohen Energiepreise die Industrie und vor allem die Transportbranche belasten. Polanska betonte, dass die Energie- und Treibstoffpreise in Deutschland noch höher seien als in Polen. Allerdings belasteten die höheren Kosten polnische Unternehmen und Verbraucher relativ zum Einkommen stärker als in Deutschland.

Ein Rückblick auf die Veranstaltung mit den Präsentationen von Anna Polanska und Katarzyna Judkowiak steht auf der Veranstaltungsseite HIER bereit.

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