Die Wirtschaft in Südosteuropa erholt sich kräftig, allerdings steigen aktuell auch die Infektionszahlen wieder. Ungarn spielt insbesondere für die Automobilindustrie als Standort eine wichtige Rolle. Über die Investitionsbedingungen in Ungarn sprachen wir mit Dr. Roland Felkai von Rödl & Partner.

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Wie schätzen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage in Ungarn ein?

Dr. Roland Felkai: Die Wirtschaft war überzeugend in das Jahr 2020 gestartet, durch die Pandemie ergab sich aber schließlich eine Rezession mit einem Minus von 5,1%. Für 2021 rechnet die Ungarische Nationalbank (MNB) aber wieder mit einem Wirtschaftswachstum von 6 bis 7%. Bereits vor der Pandemie hatte das Wachstum der ungarischen Wirtschaft gut 5% 2019 betragen und für 2020 war ein Wachstum von 3 bis 4% prognostiziert worden.

Die Pandemie breitete sich in Ungarn im Frühjahr 2020 schnell aus und im März 2020 rief die Regierung den Notstand aus. Weitreichende Einschränkungen und Schutzmaßnahmen wurden eingeführt, Bildungs-, Sport- und Kultureinrichtungen sowie das Gastgewerbe geschlossen. Auch der Handel mit nicht lebenswichtigen Waren und Dienstleistungen wurde eingestellt.

Die wirtschaftliche Gesamtsituation hat sich 2021 wieder eindeutig verbessert. Allerdings haben die derzeit vorliegenden Lieferengpässe und die bestehenden Unsicherheiten bezüglich der Auswirkungen der neuen Pandemie-Varianten einen erheblichen Einfluss auf verschiedene Industriezweige. Sie betreffen z.B. den Automobilsektor und den Fremdenverkehr. Die ungarische Wirtschaft ist stark von Exporten abhängig, die zum Großteil von den hiesigen Tochterunternehmen international agierender Unternehmensgruppen abgewickelt werden. Im Jahr 2020 wurde im Bereich Warenhandel mit dem Ausland ein Überschuss von 5,2 Mrd USD erzielt. Generell kann gesagt werden: Erholt sich die globale Wirtschaftslage, wird die ungarische Wirtschaft hiervon sicherlich überproportional profitieren.

Wie beurteilen Sie das Investitionsklima?

Das Investitionsklima kann trotz der Auswirkungen der Pandemie weiterhin als gut bezeichnet werden. Durch die Herabsetzung des Körperschaftsteuersatzes auf 9% im Jahr 2017 und die Entlastung der Arbeitgeber in Form einer weiteren Senkung der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung von 17,5 auf 15,5% ab Mitte 2020 wurden weitere Investitionsanreize geschaffen, um die Ansiedlung von Unternehmen zu fördern. Großprojekte und Investitionen in Zukunftstechnologien werden aktuell von der Regierung bevorzugt gefördert und die staatliche Investitionsförderungsagentur HIPA versucht verstärkt, auch ausländische Unternehmen für die Ansiedlung von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu gewinnen.

Auch eines der niedrigsten Lohnniveaus innerhalb der EU stellt für ausländische Direktinvestitionen nach wie vor einen wesentlichen Standortvorteil dar. Ungarn kann derzeit sicherlich als ein Billiglohn- und Niedrigsteuerland innerhalb der EU angesehen werden, wobei allerdings u.a. wegen des mittlerweile aufgetretenen Fachkräftemangels die Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren regelmäßig die Inflationsrate überstiegen und ein Realwertzuwachs bei den Löhnen und Gehältern zu verzeichnen ist.

Aufgrund der unsicheren Aussichten bezüglich der globalen wirtschaftlichen und konjunkturellen Erholung wurde die Investitionsneigung der Unternehmen gebremst und bereits beschlossene Investitionen zeitlich verschoben. Beispiele hierfür sind das geplante BMW-Werk in Debrecen sowie die Erweiterung des Daimler-Werks in Kecskemét. Für die Realisierung dieser Projekte wurden allerdings mittlerweile neue, diesmal verbindlich scheinende Fristen bekanntgegeben.

Ungarns Wirtschaft ist stark mit dem deutschen Wirtschaftsraum und insbesondere mit der Automobilindustrie verknüpft, woraus sich eine erhebliche Abhängigkeit von der europäischen, aber auch von der globalen wirtschaftlichen Entwicklung ergibt. Der ungarische Automobilsektor einschließlich der Zulieferindustrie erwirtschaftet knapp 15% des ungarischen BIP. Für Ungarn sind deutsche Unternehmen wichtige Handelspartner, werden doch knapp 28% des Gesamtexports mit deutschen Unternehmensgruppen realisiert und knapp 25% der Importe stammen aus Deutschland. Wegen der Vielzahl der deutschen Direktinvestitionen und des hohen Exportanteils gehört Ungarn zu den wenigen Ländern, die eine positive Handelsbilanz mit Deutschland vorweisen können.

Neben den vorteilhaften steuerlichen sind auch die rechtlichen Rahmenbedingungen stabil und bieten eine verlässliche Grundlage für wirtschaftliche Aktivitäten im Land. Die Regelungen des ungarischen Gesellschaftsrechts und des Bürgerlichen Gesetzbuchs sind mit den deutschen Bestimmungen vergleichbar. Das ungarische Arbeitsrecht erlaubt ein hohes Maß an Flexibilität in puncto Arbeitszeitgestaltung und Entlohnung und kann insgesamt als arbeitgeberfreundlich bezeichnet werden. Dass die Regierung die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen eher zugunsten der Arbeitgeber umzugestalten beabsichtigt, hat zuletzt die im April 2020 verabschiedete Verordnung zur Ausdehnung eines einseitig vom Arbeitgeber bestimmbaren Arbeitszeitrahmens von bisher 4 auf 24 Monate gezeigt. In diesem Zeitraum können vom Arbeitgeber nicht genutzte Arbeitszeiten nachgeholt werden.

Welche Branchen bieten für deutsche Unternehmen das größte Potenzial?

Großes Potenzial birgt nach wie vor die Automobilbranche. Neben den Herstellern Audi, Mercedes-Benz, Opel und Suzuki haben sich auch viele Zulieferer in Ungarn angesiedelt. Von Bosch über Knorr-Bremse bis hin zu Thyssenkrupp und Zollner sind viele der namhaften Zulieferer – teils bereits mit fünf bis sechs Standorten – im Land vertreten. Aber auch eine große Anzahl von Mittelständlern hat sich in den vergangenen 30 Jahren in Ungarn angesiedelt.

Auch der Bereich Bauwirtschaft boomt derzeit kräftig, angekurbelt durch die Senkung der Mehrwertsteuer von 27% auf 5% für neu errichtete Wohnflächen. Aber auch die Förderung von Sanierungen, die vereinfachte Erteilung von Baugenehmigungen wie auch staatliche Investitionen führen in Teilbereichen bereits zu einer Überhitzung der Bauindustrie, die sich seit einiger Zeit in den Preissteigerungen der Branche widerspiegeln.

In den vergangenen 20 Jahren haben auch viele internationale Unternehmensgruppen erhebliche Teile ihrer Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, IT- und Stabsstellen für Shared Service Center (SSC) nach Ungarn verlagert, was u.a. auf das Vorhandensein von entsprechenden Fachkräften mit Sprachkenntnissen hinweist.

Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum sind u.a. stark vertreten in den Bereichen Automobilindustrie, Einzelhandel, Bauindustrie, Lebensmittelindustrie, Konsumgüter, Bank- und Versicherungswesen.

Potenzial sehen wir insbesondere in den Bereichen Automobilindustrie, Maschinen- und Anlagenbau, Nahrungs- und Genussmittel, Baugewerbe und Baubedarf sowie Onlinehandel und Dienstleistungscenter.

Mit welchen Herausforderungen sind deutsche Unternehmen in Ungarn besonders häufig konfrontiert?

Seit einigen Jahren bereiten vielen Unternehmen in bestimmten Regionen des Landes die Rekrutierung und die langfristige Bindung geeigneter Fachkräfte Schwierigkeiten. Insbesondere in den grenznahen Regionen zu Österreich und der Slowakei gibt es viele, die wegen der höheren Bezüge als Berufspendler in den Nachbarländern arbeiten oder die gleich in andere EU-Länder umgezogen sind. Man geht davon aus, dass um die 300.000 Ungarn im Ausland arbeiten, insbesondere in Deutschland, Österreich und England. Hinzu kommen neue Industrie- und Dienstleistungsansiedlungen, die durchaus eine Abwerbung von Mitarbeitern zur Folge haben können. Die Personalsuche wie auch die -bindung können sich durchaus als nicht zu unterschätzende Herausforderungen erweisen.

Gleich zu Beginn einer Investition und/oder längeren Tätigkeit in Ungarn sollten sich Unternehmen über die landesspezifischen Anforderungen und Gegebenheiten im geschäftlichen Alltag informieren, egal ob es sich um steuerliche, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Aspekte handelt. In Ungarn reichen z.B. Quittungen/Kassenbons für eine steuerliche Ansetzbarkeit nicht aus und das Vorliegen einer Betriebsstätte ist je nach Steuergesetz anders geregelt.

Welche Faktoren sprechen für einen Standort in Ungarn?

Die wesentlichen Rahmenbedingungen können durchaus als gut bezeichnet werden. Der Körperschaftsteuersatz beträgt 9% und wird sich auch durch die Einführung der globalen Mindeststeuer für Großkonzerne anhand von Sonderregelungen nur in gewissen Fällen auf 15% bei den ungarischen Konzerngesellschaften erhöhen. Der Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungsbeiträgen liegt derzeit bei 15,5% und eine weitere Senkung auf 11,5% ist vorgesehen.

Auch die duale Ausbildung nach deutschem Muster wird bereits seit Jahren vorangetrieben und von vielen Unternehmen unter Einbindung der Universitäten und Fachausbildungsstätten praktiziert.

Neben weiteren Faktoren wie der Verfügbarkeit von Fachkräften und einer guten Verkehrsanbindung spielen auch öffentliche Anreize eine Rolle bei der Auswahl neuer Unternehmensstandorte. Hier ergeben sich insbesondere bei einer Ansiedlung in strukturschwächeren Regionen gute Möglichkeiten, ungarische oder EU-Fördermittel zu erhalten. Investoren, die sich ansiedeln möchten, können häufig auch lokale Steuerermäßigungen erreichen. Es sollten deshalb rechtzeitig mit den Gemeinden möglicher Standorte Gespräche geführt werden.

Wie wird sich aus Ihrer Sicht die wirtschaftliche Lage des Landes entwickeln?

Ungarn bietet Unternehmen, die einen Standort in der Region suchen, ein gutes und stabiles rechtliches wie wirtschaftliches Umfeld mit motivierten und gut ausgebildeten Arbeitskräften. Bereits vorhandene Investitionen und Ansiedlungen ziehen weitere nach sich, wie es z.B. im Automobil- oder Dienstleistungssektor zu beobachten ist.

Die Nähe zu Deutschland, die gute Infrastruktur, das günstige Lohnniveau bzw. das durchweg gute Ausbildungsniveau sprechen sicherlich ebenfalls für den Investitionsstandort Ungarn. Der Trend, dass sich auch asiatische Unternehmen vermehrt für Standorte in Europa entscheiden, ist auch in Ungarn spürbar und hält weiter an. Anhand aktueller Erfahrungen und der von der EU-Kommission verabschiedeten „Industriestrategie Europa“ sind viele Unternehmen bestrebt, ihre Abhängigkeit z.B. vom asiatischen Raum zu vermindern und Tätigkeiten nach Europa zu verlagern. Hiervon wird auch Ungarn profitieren und hiesige Firmen und Standorte werden als verlässliche Partner sicherlich gestärkt aus der derzeitigen Krisensituation hervorgehen.

roland.felkai@roedl.com

www.roedl.com

 

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