Die indische Wirtschaft ist von April bis September 2012 nur noch um real 5,4% gewachsen. Gleichzeitig lagen die Verbraucherpreise seit Jahresbeginn um durchschnittlich 10% über dem Vorjahresniveau, die Fehlbeträge in der Leistungsbilanz und im Staatshaushalt wachsen. Zwei Coface-Studien verdeutlichen die aktuellen Folgen für das Forderungsmanagement deutscher Unternehmen in Indien.

Von Dr. Dirk Bröckelmann, Referent Unternehmenskommunikation, Coface Deutschland

Die Bedeutung des Lieferantenkredits nimmt auch in Indien weiter zu. Doch damit wächst auch das Risiko für Lieferanten und Dienstleister. Rund die Hälfte der Unternehmen klagt über verspätete Zahlungen. Dies sind Ergebnisse einer Studie von Coface. Der internationale Kreditversicherer hat in Indien zum vierten Mal 5.000 Unternehmen zu deren Kreditmanagement, Zahlungsverhalten und Zahlungserfahrungen befragt. Fast die Hälfte (45%) der Unternehmen beliefert Kunden auf Zahlungsziel. Gegenüber 2010 ist das eine Steigerung um 7 Prozentpunkte. Die Bedeutung der Voraus- und Barzahlung ist dagegen gesunken.

Nur noch ein Fünftel (21%) verlangt das Geld vorab oder Cash bei Lieferung. Im Jahr zuvor waren es noch 30%. 48% der Unternehmen erleben, dass vereinbarte Zahlungsziele bei Inlandsgeschäften überzogen werden. Der Wert ist im Vergleich zur Vorjahresstudie (49%) stabil, wobei die Erfahrungen unterschiedlich sind. Während 32% sagten, das Zahlungsverhalten ihrer Kunden sei schlechter geworden, gaben 24% an, es habe sich verbessert.

Die meisten Verzögerungen (87%) verursachten kleine Unternehmen in privater Hand. Öffentlich-rechtliche, staatliche und ausländische Unternehmen sind dagegen deutlich weniger in Verzug. Die Hauptgründe für die Überziehung der Zahlungsziele oder Zahlungsausfälle sehen die von Coface befragten Unternehmen in tatsächlichen finanziellen Schwierigkeiten der Kunden: Finanzierungsprobleme, steigende Rohstoffpreise, harter Wettbewerb mit Druck auf Margen, Probleme im Cashflow.

In einer weiteren neuen makroökonomischen Studie sieht Coface Indien vor großen Herausforderungen. Der Motor laufe zwar noch, sei aber ins Stottern geraten. Das Land und seine Unternehmen litten unter systemischen und strukturellen Engpässen, die Wachstum und Entwicklung erschwerten. Die politische Lähmung blockiere nötige Reformen. Opfer des Reformstaus seien die Unternehmen.

Wie schon vor 20 Jahren steht Indien vor großen Herausforderungen. Das Land hat ein Haushaltsdefizit von fast 6% und ein Leistungsbilanzdefizit von rund 3%. Die verschärfte indische Geldpolitik im Jahr 2010 erschwerte die Kreditaufnahme für Unternehmen. Dadurch wurden auch Engpässe offengelegt, zum Beispiel die schlechte Infrastruktur und der Facharbeitermangel. Jedoch profitiert das Land von seiner geringen Öffnung, was es nicht so anfällig für externe Krisen macht. Außerdem hat es einen sehr beständigen Dienstleistungssektor, der über die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes ausmacht.

Indien belasten steigende Rohstoffpreise, vor allem für Öl und Kohle. Zwar verfügt das Land über große Kohlevorkommen, schafft es aber nicht, den eigenen Bedarf zu decken. Drei Viertel des benötigten Öls werden importiert, was etwa ein Drittel der gesamten Einfuhren ausmacht. Der hohe Ölpreis in Verbindung mit einer schwächeren Rupie lassen die Energiekos­ten der Unternehmen steigen. Die Margen sinken, das Risiko für Zahlungsstörungen wächst. Neben der importierten Inflation durch die Energiepreise belastet den Subkontinent auch eine strukturelle Inflation, die getrieben wird durch den Angebotsengpass bei Lebensmitteln. Die Produktion hält mit der gestiegenen Nachfrage, insbesondere aus dem sich entwickelnden Mittelstand, nicht Schritt.

Hohe Inflation, volatile Lebensmittelpreise und steigende Löhne wirken sich auch auf die Produktionskosten, Margen und Investitionsbereitschaft in der übrigen Wirtschaft aus. Der Mangel an ausgebildeten Kräften führt zu steigenden Löhnen für qualifizierte Mitarbeiter. Zudem hat die Reserve Bank of India (RBI) die Zinsen 13-mal erhöht, was den Zugang zu Krediten und die Investitionsfähigkeit der Unternehmen verringert.

Des Weiteren sind die Investitionen stark abhängig vom Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten, was zeigt, dass die Entwicklung auf dem inländischen Markt noch sehr limitiert ist. Es sind aber nur die großen Unternehmen, die einen Zugang zum internationalen Markt haben, damit aber einen weiteren Anstieg der Schulden forcieren. So stieg die externe Verschuldung Indiens in den letzten drei Jahren um 27%. Verstärkt wird diese Entwicklung dadurch, dass die örtlichen Banken gezwungen sind, große Werte an Staatsanleihen zu halten.

Die mangelnde Transparenz bei den Finanzzahlen mittelständischer Unternehmen und fehlende konsolidierte Bilanzen bei Konzernen sind weiterhin problematisch. Zudem leidet Indien unter der schlechten Infrastruktur, die ansässige Unternehmen wie potentielle Investoren behindert. Größte Probleme hat Indien mit der Stromversorgung. Im Sommer 2012 waren zeitweise 600 Millionen Menschen ohne Strom. Bei der Elektrizitätsversorgung liegt Indien weit hinter den anderen BRIC-Staaten zurück.

Unzureichende politische Rahmenbedingungen und die verbreitete Korruption tun ein Übriges, um Investoren abzuschrecken. Deshalb hat Coface bereits im Juli nicht nur die Gesamtbewertung des Landes (A3), sondern auch die Bewertung des Geschäftsumfelds (A4) mit negativem Ausblick versehen. Um das Land für ausländische Investoren wieder attraktiver zu machen, muss die Regierung strukturelle Reformen vornehmen. Nur so lassen sich die externen und internen Ungleichgewichte ausgleichen. Doch das Risiko, dass politisch nichts passiert, ist hoch. Regierung und Opposition fürchten bei Reformen den Unmut der Bevölkerung, insbesondere vor den Lokal- und Parlamentswahlen 2013 und 2014.
Die Studie zum Zahlungsverhalten, eine Zusammenfassung und das komplette Panorama „Focus India“ finden Sie unter folgendem Link: coface-medien.de.

Kontakt: dirk.broeckelmann[at]coface.de

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