Die Belebung der russischen Importnachfrage und der nach wie vor große Absicherungsbedarf der deutschen Exporteure führt zu einer Renaissance der Exportfinanzierung im Russland-Geschäft. Die Nachfrage nach Außenhandelsfinanzierungen – von einfachen Risikoabsicherungen bis hin zu langfristigen Hermes-gedeckten Exportfinanzierungen – ist deutlich gestiegen. Ingo Albrecht, Leiter SF Export/ECA Finance, NORD/LB, erläutert uns die zentralen Finanzierungsinstrumente und die aktuellen Trends.

Interview mit Ingo Albrecht, Senior Director, Leiter SF Export/ECA Finance, NORD/LB

Herr Albrecht, die russische Wirtschaft erholt sich spürbar, die Importnachfrage nach deutschen Gütern steigt wieder kräftig. Macht sich auch bei der NORD/LB eine steigende Nachfrage nach Außenhandels-finanzierungen von deutschen Exporteuren und russischen Kunden bemerkbar?

Die Entwicklung ist differenziert zu betrachten. Nachdem die russische Wirtschaft im vergangenen Jahr massiv von der Weltwirtschaftskrise getroffen wurde, zeigen sich in diesem Jahr tatsächlich Erholungstendenzen. 2009 schrumpfte das BIP um 7,9%, und auch der russische Außenhandel mit der EU und mit Deutschland ging sowohl auf der Einfuhr- als auch auf der Ausfuhrseite jeweils um über 30% zurück. Im ersten Halbjahr 2010 ging es mit einem BIP-Wachstum von ca. 4% bereits wieder aufwärts. Leider hielten sich die russischen Importeure mit den für die deutschen Hersteller so wichtigen Investitionen in Maschinen und Anlagen noch zurück. Gemäß den Angaben des VDMA sank das Volumen der deutschen Maschinenexporte, das bereits 2009 um über 40% zurückging, in den ersten vier Monaten 2010 sogar um weitere 6% gegenüber dem Vorjahr.

Trotzdem gilt, dass die traditionelle Exportfinanzierung im Allgemeinen und auch speziell im Russland-Geschäft eine Art Renaissance erlebt. Die Nachfrage unserer Kunden nach allen Formen der Außenhandelsfinanzierungen von einfachen Risikoabsicherungen bis zu langfristigen Hermes-gedeckten Exportfinanzierungen ist deutlich gestiegen. Dies liegt zum einen an dem höheren Absicherungsbedarf der Exporteure in Krisenzeiten, aber zum anderen auch an der gestiegenen Nachfrage der russischen Abnehmer nach verlässlichen, bezahlbaren und – wenn möglich – langfristigen Finanzierungsmöglichkeiten.

Welche Finanzierungen bietet die NORD/LB im kurz- und langfristigen Bereich vorrangig an?

Wir bieten für die Exporte unserer Kunden nach Russland die komplette Produktpalette von kurzfristigen Risikoabsicherungen, z.B. durch Akkreditivbestätigungen, über kurz- bis mittelfristige ­Handelsfinanzierungen bis hin zu langfristigen Investitionsgüterfinanzierungen an. Insbesondere bei den langfristigen Investitionsgüterfinanzierungen ist es für die Absicherung der wirtschaftlichen und politischen Risiken gegenwärtig notwendig, dass Deckungen von staatlichen Exportkreditversicherungen, in der Regel der deutschen Euler Hermes Kreditver­sicherungs-AG als Mandatar des Bundes, in die Finanzierung miteinbezogen ­werden.

Werden deutsche Exporte von Investitionsgütern eher durch lokale Banken oder durch Kredite von ausländischen Banken finanziert?

Nach unserer Einschätzung wird der überwiegende Teil der nach Russland importierten Investitionsgüter derzeit über die klassischen Produkte der langfristigen Exportfinanzierung mit Deckung einer staatlichen Exportkreditversicherung finanziert. Die Finanzierungsmöglichkeiten des russischen Importeurs hängen dabei im Wesentlichen von der eigenen Bonität und der Erfüllung bestimmter Voraussetzungen ab.

So ist z.B. bei privaten Abnehmern die Vorlage von nach internationalen Rechnungslegungsstandards erstellten und testierten Jahresabschlüssen eine Bedingung für den Erhalt einer langfristigen Hermesdeckung. Erfüllt der russische Importeur die Bonitätsanforderungen und die anderen Voraussetzungen, kann er direkt Kreditnehmer eines Hermes-gedeckten Bestellerkredits werden. Ist dies nicht der Fall – wie häufiger bei russischen KMUs –, wird oft eine lokale russische Bank als Kreditnehmer zwischengeschaltet. Die lokale Bank kann sich durch den Hermes-gedeckten Bank-zu-Bank-Kredit langfristig und für sie relativ kostengünstig refinanzieren und damit eventuelle Refinanzierungsengpässe auf dem russischen Bankenmarkt ausgleichen. Beide Varianten werden derzeit nachgefragt.

Bieten Sie im längerfristigen Bereich ECA-gedeckte Bestellerkredite an?

Wir bieten unverändert sowohl Bestellerkredite als auch Bank-zu-Bank-Kredite mit Hermesdeckung sowie bei entsprechender Bonität des ausländischen Kreditnehmers auch ungedeckte Anzahlungsfinanzierungen an. So haben wir unsere Verlässlichkeit als Partner unserer Kunden auch in der schwierigen Zeit Anfang letzten Jahres bei einem Liefer-geschäft nach Russland unter Beweis gestellt. Diese Finanzierung erhielt von den Lesern des britischen Magazins Trade Finance eine Auszeichnung zum „Deal of the Year 2009“ und wird auf der Hermes-Internetseite folgendermaßen gewürdigt: „Die stabilisierende Bedeutung von Exportkreditgarantien während der Finanzkrise unterstreicht dieses Exportgeschäft besonders eindrucksvoll: Obwohl sich zwei Banken aus dem Konsortium zurückzogen, stellten die verbleibenden zwei das Großprojekt durch eine ECA-gedeckte Finanzierung dar. Damit erschloss sich der russische Besteller erstmals diese Finanzierungsquelle und setzt seine geplante Expansion fort.“

Welche Trends für Russland sind bezüglich der Finanzierungskonditionen festzustellen?

Direkt nach Beginn der Finanzkrise stiegen auch die Margenanforderungen der Banken für Hermes-gedeckte Kredite und – sofern sie überhaupt noch angeboten wurden – für ungedeckte Anzahlungsfinanzierungen sehr stark an. Die Gründe dafür waren zum einen die erhöhten eigenen Refinanzierungskosten der Banken und zum anderen die gestiegene Risikoeinschätzung aufgrund der damals nicht absehbaren Auswirkungen der Krise. Für den russischen Kreditnehmer hatten sich trotz dieser signifikanten Verschärfung der Konditionen die Gesamtfinanzierungskosten jedoch nur unwesentlich verändert, da der zugrundeliegende Basiszins für die Kreditnehmer – z.B. der Sechs-Monats-Euribor – 2009 auf einen historisch niedrigen Satz gefallen war.

Inzwischen hat sich der Markt beruhigt, Anzahlungsfinanzierungen werden bei vielen Adressen wieder angeboten, und die Konditionen für Finanzierungen sind im Vergleich zum letzten Jahr deutlich günstiger, wenn auch auf einem Niveau, das über dem vor der Krise liegt.

Wie stuft Euler Hermes das Länderrisiko Russlands ein?

Russland wurde mit Wirkung zum 30.10.2009 bei Euler Hermes in die Länderkategorie 4 eingestuft. Die Hoffnungen bzw. Forderungen von russischer Seite auf eine bessere Einstufung, die unter anderem auch im Rahmen einer in Moskau im März dieses Jahres abgehaltenen Exportfinanzierungskonferenz ge-genüber hochrangigen Vertretern verschiedener Exportkreditversicherer geäußert wurden, haben sich bisher nicht erfüllt. Ob und wann eine bessere Einstufung auf OECD-Ebene erfolgt, ist noch nicht absehbar, allerdings werden die Aussichten für Russland allgemein seither positiver gesehen. So hat z.B. die internationale Ratingagentur Fitch Anfang September den Ausblick für das Russland-Rating von „stabil“ auf „positiv“ verbessert.

Gab es hinsichtlich der Exportfinanzierung Veränderungen, die durch die Finanzkrise hervorgerufen wurden?

Neben den bisher bereits genannten Veränderungen ist festzustellen, dass in Russland, wie aber auch in vielen anderen Staaten, zahlreiche geplante Investitionen sowohl von den russischen Abnehmern als auch von den finanzierenden russischen Banken nochmals sehr kritisch hinterfragt und auf ihre Wirtschaftlichkeit überprüft werden. Als Konsequenz wurden einige dieser Projekte anschließend verworfen, andere im Umfang begrenzt oder auch zunächst „auf Eis“ gelegt.

Eine weitere erkennbare Veränderung ist, dass einige große russische Unternehmen, die sich vor der Finanzkrise bereits direkt am Kapitalmarkt finanziert haben, zur Finanzierung ihrer Investitionen wieder auf die klassischen Hermes-gedeckten Bestellerkredite zurückgreifen. Kleinere russische Unternehmen dagegen, die nicht direkt Kreditnehmer eines Bestellerkredits werden konnten, litten und leiden teilweise noch unter der anhaltend restriktiven Kreditvergabe russischer Banken.

Obwohl Russland seit jeher eines der Länder mit den höchsten Deckungsvolumina von Exportkreditgarantien war, ist die Bedeutung dieser Hermesdeckungen als Förderungsinstrument für den deutschen Export und zur Realisierung von Russland-Exporten nach der Finanzkrise nochmals angestiegen. So stieg im ersten Halbjahr 2010 das Deckungsvolumen für Russland mit 1,4 Mrd Euro um 57,9% gegenüber dem Vorjahreszeitraum, davon betrafen ca. zwei Drittel Transaktionen mit mittel- bis langfristigen Kreditlaufzeiten.

Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe?

Unsere Zielgruppe ist die exportorientierte mittelständische Firmenkundschaft der NORD/LB, und das deutschlandweit. Als Partner der Sparkassen in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt stehen wir auch den Sparkassen und ihren Kunden in allen Fragen rund um das Auslandsgeschäft und die Exportfinanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Unser Ziel ist es, durch Ausnutzung der kompletten Produktpalette der Exportfinanzierung ein auf das jeweilige Liefergeschäft optimal zugeschnittenes und den Bedürfnissen unseres Kunden entsprechendes Finanzierungskonzept zu erarbeiten.

Bieten Sie auch Finanzierungen für kleinere Exportgeschäfte an?

Natürlich eignen sich nicht alle Liefergeschäfte für alle Produkte, und natürlich ist es z.B. schwierig, Liefergeschäfte mit Auftragswerten in Höhe von bis zu 2 Mio Euro über einen langfristigen direkten Bestellerkredit an ein unerfahrenes russisches Unternehmen zu finanzieren. Aber auch hier kann es Möglichkeiten geben, die im Einzelfall zu prüfen sind. So ist es durch Einschaltung einer russischen Bank ggf. möglich, ein derartiges Liefergeschäft mittels Bank-zu-Bank-Kredit über einen Rahmenkreditvertrag zu finanzieren.

Ab einem Auftragswert von ca. 1 Mio Euro können wir auch prüfen, ob sich das Liefergeschäft für die sogenannte „Small-Ticket-Fazilität“ der AKA Ausfuhrkreditgesellschaft mbH eignet. Bei dieser Fazilität handelt es sich um ein relativ neues Instrument der AKA, um Bestellerkredite für kleinere Transaktionen nach einem standardisierten Verfahren und mit einer standardisierten Dokumentation anzubieten. Alternativ ist im kurz- und mittelfristigen Bereich die Begleitung der Exporttransaktionen unserer Kunden auch über verschiedene Handelsfinanzierungen mit geringeren Auftragswerten möglich.

Wie ist die NORD/LB in Russland präsent bzw. vernetzt?

Die NORD/LB-Repräsentanz hat ihre operative Tätigkeit in Moskau Anfang 2007 aufgenommen. Über unsere vielfältigen Kontakte zu russischen Unternehmen, Banken, Regierungsstellen und sonstigen Organisationen unterstützen wir unsere deutsche Kundschaft bei deren Geschäftsanbahnung und -begleitung. Natürlich arbeiten wir zusätzlich auch mit unseren russischen Korrespondenzbanken zusammen. Aktuell stehen wir mit einer russischen Bank in konkreten Verhandlungen über den Abschluss eines Rahmenkreditvertrags. Daneben können wir als Gesellschafterbank der AKA Ausfuhrkreditgesellschaft mbH auch auf die zahlreichen Rahmenkreditverträge der AKA mit russischen Banken zurückgreifen.

Welche Wirtschaftssektoren werden vorrangig von der NORD/LB bedient?

Die NORD/LB fokussiert sich im Russland-Geschäft auf die kurzfristigen Handels- und insbesondere langfristigen Exportfinanzierungen. Dabei werden nahezu alle nachgefragten Wirtschaftssektoren bedient. Für die langfristige Exportfinanzierung stehen wichtige Sektoren wie der Maschinen- und Anlagenbau sowie sonstige Investitionsgüterhersteller im Fokus. Aufgrund der Ausrichtung der russischen Wirtschaft auf den Energie- und Rohstoffsektor ist in diesem Sektor auch ein Finanzierungsschwerpunkt vorhanden.

Wo sehen Sie zurzeit die größten Chancen im russischen Markt?

Die politisch Verantwortlichen haben erkannt, dass die russische Wirtschaft sich nicht mehr so stark auf den natürlich auch zukünftig wichtigen Energie- und Rohstoffsektor konzentrieren sollte und dass insbesondere die Industrieproduktion modernisiert und diversifiziert werden muss. Dabei werden als zu forcierende Sektoren u.a. Energie und Energieeffizienz, Medizintechnik, Diagnostik, Pharmazie, IT und Weltraumtechnik genannt.

Die deutschen Exporteure haben vieles von dem zu bieten, was Russland in den nächsten Jahren zur Modernisierung der Industrieproduktion benötigt: qualitativ hochwertige Güter und auch das erforderliche Know-how im Engineering. Somit bestehen für die deutsche Exportwirtschaft hervorragende Chancen, die bereits guten Wirtschaftsbeziehungen mit den russischen Kunden weiter auszubauen. Dabei kommen Russland sicherlich auch die politische Stabilität, der Reichtum an wichtigen Rohstoffen wie Öl, Gas und Metallen, die weltweit drittgrößten Devisenreserven, die Stützung der strategischen Unternehmen durch die russische Regierung und die moderate Außenverschuldung zugute.

Was sind Ihrer Meinung nach zurzeit die größten Risiken in Russland?

Risiken für Russland bestehen aufgrund der einseitigen Ausrichtung auf Rohstoff- und hier insbesondere auf Energieexporte und der daraus resultierenden starken Abhängigkeit von deren Preisentwicklung. So lag letztes Jahr der Export der sogenannten Energieträger Erdöl, Erdölprodukte sowie Erdgas bei über 60% der Ausfuhrgüter. Fraglich ist zudem, ob die geplante schnelle Diversifizierung und die erforderliche Verbesserung der Rahmenbedingungen für Mittelständler tatsächlich erfolgen.

Des Weiteren sehe ich mögliche Risiken in der teilweise wieder gestiegenen Abschottung des russischen Marktes durch protektionistische Maßnahmen, z.B. der Anhebung von Zollsätzen oder Handelsbeschränkungen für ausländische Unternehmen, bei der Rechtsprechung und der Bürokratie. Die tatsächlichen und vor allem langfristigen Auswirkungen der Dürre und der verheerenden Waldbrände in diesem Sommer sind auch noch nicht vollständig absehbar. Die Expertenschätzungen über die Wertverluste und die Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung weichen zum Teil stark voneinander ab.

Kontakt: ingo.albrecht[at]nordlb.de

Aktuelle Beiträge