Südlich des Rio Grande liegt ein schwieriger, aber durchaus reizvoller Teil Amerikas. In den Ländern Mittel- und Südamerikas sind deutsche Unternehmen traditionell stark vertreten. Sie produzieren dort vor allem für den US-Markt, zunehmend aber auch für den Binnenmarkt. Der folgende Beitrag berichtet von Mexiko, Panama, Kolumbien und Peru, den Stationen der Dienstreise von Pedro Philippsberg im August/September 2010.

Von Pedro Philippsberg, Head of Export Finance Latin America, UniCredit Bank AG

Mexiko

Die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos hat unter der „Schweinegrippe“ und der Finanzkrise stark gelitten. Nunmehr spüren die Unternehmen und Banken eine leichte wirtschaftliche Erholung. Das Finanzministerium und diverse Analysten schätzen das Wirtschaftswachstum für 2010 auf 4,5%. Auch der Inlandskonsum hat wieder zugenommen.

Durch seine strategische Lage bietet Mexiko für Investoren ein interessantes Potential. Die engen Handelsbeziehungen zu den Hauptwirtschaftszentren in Asien, Nordamerika, Lateinamerika und Europa spielen ebenfalls eine große Rolle bei Investitionsentscheidungen.

Sorgen bereiten allerdings die Kriminalität und das Drogenproblem, die inzwischen auch in Mexikos Industriezentrum Monterrey-Nuevo León wahrgenommen werden. Die Tourismusindustrie spürt ebenfalls bereits Auswirkungen dieser Entwicklung, und manche Investoren halten ihre Entscheidungen vorerst zurück.

Für Mexiko sprechen seine junge Bevölkerung und seine Rolle als Zugangstor zur nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA. Sein großer Binnenmarkt mit mehr als 110 Millionen potentiellen Konsumenten ist ein weiteres wichtiges Argument. Außerdem stehen gut ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung.

Panama

Die Wirtschaftspresse Lateinamerikas bezeichnet Panama bereits als die „Schweiz Lateinamerikas“. Mit Hilfe von gut durchdachten Reformplänen konnte Panama sein Wirtschaftswachstum ständig erhöhen. 2010 dürfte es 5% erreichen.

Panama hat auch von den wirtschaftspolitischen Fehlern linksgerichteter Regierungen in Venezuela, Ecuador und Nicaragua sowie von den äußerst strengen Kontrollen in den USA nach 9/11 profitiert. Viele Investoren aus diesen Ländern haben sich in Panama niedergelassen.

Hervorzuheben ist, dass sich Panama zu einem der wichtigsten Drehkreuze für Flugverbindungen nach Zentral- und Südamerika entwickelt hat. Auch der Ausbau des Panamakanals wird das künftige Wirtschaftswachstum wesentlich beeinflussen. Durch den Panamakanal und seine strategisch günstige Lage hat sich Panama zu einem „logistischen Zentrum“ entwickelt.

Diverse Projekte befinden sich bereits in Arbeit bzw. werden in naher Zukunft verwirklicht. Neben dem Ausbau des Panamakanals zählen dazu die Erweiterung der See- und Flughäfen sowie andere Infrastrukturmaßnahmen (z.B. Autobahnen, U-Bahn und das Metro-Bus-System). Investitionen werden derzeit auch in den Bereichen Energie und Medizintechnik, Tourismus und Finanzdienstleistungen sowie im Bildungsbereich verstärkt. Durch die Gründung von „PROINVEX“ will die Regierung verstärkt ausländische Investoren ins Land holen.

Kolumbien

Kolumbien ist ein Land im Aufwind! Im laufenden Jahr könnte das Wirtschaftswachstum ca. 5% betragen. Unter der Führung des früheren Präsidenten Uribe ist es dem Land gelungen, die Guerilla und das Drogenproblem bis zu einem bestimmten Grad unter Kontrolle zu bekommen. Allerdings ist die Gewalt in ihren verschiedenen Formen immer noch in einigen ländlichen Regionen präsent. Auch in den ärmeren Vierteln solcher Großstädte wie Bogotá, Medellín und Cali ist der Einfluss der Drogenkartelle weiterhin spürbar.

Die neue Regierung unter Präsident Santos, die aus Experten mit langjährigen Erfahrungen besteht, will die Sicherheits- und Wirtschaftspolitik von Uribe im Wesentlichen weiterführen. Die bislang angespannte Lage zwischen Venezuela und Ecuador beginnt sich durch bilaterale Gespräche zwischen Santos und Chávez sowie Correa zu entspannen. Aufgrund der wenig einladenden Wirtschaftspolitik der Regierung Venezuelas lassen sich immer mehr Investoren aus diesem Land in Kolumbien nieder.

Kolumbien besitzt eine starke und wettbewerbsfähige Privatindustrie mit sehr gut ausgebildeten Fach- und Führungskräften. Die Länderbonität wird zunehmend besser eingeschätzt. Wie aus Finanzkreisen zu hören ist, stehen internationale Ratingagenturen kurz vor der Entscheidung, Kolumbien einen Investment-grade zu erteilen.

Derzeit verzeichnet das Land einen Bauboom im Bereich von Infrastrukturmaßnahmen und im privaten Immobiliensektor. Im kommerziellen Immobilienbereich besteht derzeit ein Überangebot.

Sowohl die Regierung als auch private Unternehmen werden in den nächsten Jahren größere Investitionen in diversen Branchen vornehmen. Dazu zählen insbesondere die Infrastruktur (Autobahn und Häfen) und die Versorgungswirtschaft (Energieerzeugung und Wasserwirtschaft).

Zu den großen Projekten gehört das Elektrizitätswerk PORCE III mit einer Leistung von 660 MW. 87% der Gesamtinvestition von ca. 1,33 Mrd US$ sind bereits investiert worden. Für die Ausbaustufe PORCE IV mit einer Leistung von 400 MW sind Investitionskosten von ca. 1,08 Mrd US$ geplant. In der Wasserwirtschaft sind für das Projekt BELLO (Wasseraufbereitung) Investitionskosten von ca. 540 Mio US$ vorgesehen.

Mit der Verwirklichung der anstehenden Projekte und durch die Zunahme der Auslandsinvestitionen werden neue Arbeitsplätze geschaffen. Eines der Ziele der Regierung ist die Verringerung der Armut. Dadurch sollen mehr Menschen in die Mittelschicht aufsteigen.

Peru

Peru erlebt derzeit eine dynamische Wirtschaftsentwicklung. Allein im Juni dieses Jahres sind die Exporte gegenüber dem gleichen Monat 2009 um mehr als 40% gestiegen. Die Gesamtexporte für das erste Semester 2010 betrugen 15,8 Mrd US$, was einer Erhöhung um 37,3% gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2009 bedeutet.

Die Wirtschaftsministerin Mercedes Aráoz hat am 01.09.2010 verkündet, dass 2011 alleine die Privatwirtschaft mehr als 12 Mrd US$ anlegen will. In den nächsten vier Jahren sollen im Bergbau ca. 15 Mrd US$ investiert werden.

In diversen Gesprächen mit Banken, Unternehmen und der Deutsch-Peruanischen Industrie- und Handelskammer wurden für die nächsten Jahre ebenfalls Investitionen in zahlreichen Wirtschaftsbereichen angekündigt.

Mit der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens mit der Europäischen Union und aufgrund der Vielzahl der anstehenden Projekte bietet Peru viele gute Geschäftsmöglichkeiten vor allem für kleine und mittelständische Investoren. Erwähnenswert ist, dass sich Deutschland inzwischen zum wichtigsten Handelspartner Perus entwickelt hat.

Resümee

Trotz unterschiedlicher politischer und struktureller Probleme in manchen Ländern ist Lateinamerika ein wichtiger Handelspartner für die deutsche Wirtschaft. Diverse Projekte in den Bereichen Infrastruktur und erneuerbare Energien sowie Wirtschaftswachstumsraten um die 5% bieten interessante Chancen für deutsche Exporteure.

Textkasten: Aussichtsreiche Investitionsziele in Mexiko, Kolumbien und Peru

  • Lebensmittel- und Agrarindustrie
  • Bergbau und Forstwirtschaft
  • Infrastruktur und Wasserwirtschaft
  • Erneuerbare Energien
  • Medizin- und Elektrotechnik
  • Transport und Tourismus
  • Telekommunikation und IT
  • Ausbildung (Peru plant die Einführung des deutschen “dualen Systems”)

Kontakt: pedro.philippsberg[at]unicreditgroup.de

20 replies on “Wachstumsperspektiven in Lateinamerika”

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